Unsere erste Forschungsreise hat mit einer überraschenden Feststellung begonnen: Das Problem verlorenen Erfahrungswissens ist keineswegs neu. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Forschung und Praxis damit, was geschieht, wenn erfahrene Menschen Organisationen verlassen und Wissen mitnehmen, das sich nicht vollständig in Handbüchern, Datenbanken oder Prozessbeschreibungen wiederfindet. Besonders interessant ist dabei eine Unterscheidung, auf die wir bei unserer Recherche gestoßen sind: Es reicht nicht, einen Experten zu fragen: „Was weißt du?“ Ein großer Teil seines Erfahrungswissens ist ihm selbst nicht jederzeit bewusst. Es zeigt sich erst in konkreten Situationen, Entscheidungen, Abwägungen und Handlungen. Am Fraunhofer IFF wird deshalb beispielsweise daran gearbeitet, Erfahrungswissen während realer Arbeitssituationen zu erfassen. Ein KI-gestützter Moderator stellt Rückfragen und versucht nicht nur festzuhalten, was jemand tut, sondern auch warum. Dahinter liegt eine noch ältere Forschungslinie. Beim sogenannten Triadengespräch werden Experte, Novize und ein thematischer Laie zusammengebracht. Gerade ihre unterschiedlichen Perspektiven sollen dazu führen, dass Wissen ausgesprochen wird, das in einem gewöhnlichen Expertengespräch möglicherweise verborgen bliebe. Für unsere Arbeit ist daran etwas Entscheidendes: Wissen lässt sich offenbar nicht einfach aus einem Menschen „auslesen“. Die Art der Frage beeinflusst, was überhaupt sichtbar und explizierbar wird. Und daraus entsteht für uns eine weiterführende Frage: Reicht es, das „Was“ und das „Warum“ einer Erfahrung zu erhalten? Oder müssten wir zusätzlich bewahren, woran jemand etwas erkannt hat, welche Beobachtungen vorausgingen, welche anderen Deutungen möglich waren und warum schließlich eine bestimmte Schlussfolgerung entstand? Genau an solchen Grenzen möchten wir hier forschen. Nicht um bestehende Forschung neu zu erfinden, sondern um herauszufinden, was bereits verstanden wurde – und wo offene Fragen beginnen.